Amalthea
Amalthea
William Friedkins Verfilmung des gleichnamigen Romans des Jesuiten William Peter Blatty hatte 1973 das Publikum schon einmal geschockt. Nun hat sich Friedkin von Blatty überreden lassen, eine um elf Minuten erweiterte Fassung auf das Publikum des Jahres 2001 loszulassen. So betrachtet ist die Bezeichnung „Director's Cut“ wohl eher aus Marketinggründen gewählt. Da ich jedoch die originale Schnittfassung nicht gesehen habe, kann ich leider keine Vergleiche ziehen.
Auch wenn die blasphemischen Szenen und sexuellen Äußerungen heute keinen Skandal mehr verursachen, so hat dieser Film seine beängstigende und verstörende Wirkung behalten. Die Geschichte dreht sich im Groben um ein von Linda Blair meisterhaft gespieltes kleines Mädchen, das von einem assyrischen Dämon besessen ist. Die Handlung fängt erst belanglos an, der Zuschauer wird mit Handlungsfetzen konfrontiert, die er noch nicht so recht deuten kann. Man spürt jedoch schon von Anfang an, dass sich hier etwas zusammenbraut. Selten sieht man derart viele Motive des Horrorfilms in einem Werk: Da gibt es mystische Artefakte, dunkle Nischen, stehenbleibende Uhren, flackerndes Licht, Geräusche auf dem Dachboden, ausfallende Beleuchtung, die zu Kerzenlicht zwingt, düstere Treppenaufgänge, die von Mal zu Mal dunkler werden, fahle Straßenlaternen, offene Fenster mit im Wind wehenden Gardinen und neben Blut eine ganze Palette an ekligen Körperflüssigkeiten. Recht geschickt nimmt die Story die Wende von der versagenden Schulmedizin zum Exorzismus um sich dann unaufhaltsam weiter bis in den filmischen Terror zu steigern, der sich auch in für die damalige Zeit spektakulären Effekten niederschlägt. Heute wirken diese Effekte zwar nicht mehr so atemberaubend, doch die Qualität des Materials ist solide: die Bildschärfe zeigt sich vom Alter unbeeindruckt und die Surround-Abmischung ist schlicht grandios. Besonders die sich mit den wahrhaft höllischen Schreien vermischende, psychedelische Klanguntermalung Jack Nitzsches jagt einem Schauer über den Rücken. Auch die Editoren Norman Gay und Evan A. Lottman haben sich mit kleinen, gemeinen Einschnitten von Dämonenfratzen für jeweils nur wenige Frames eine Methode der unterbewussten Beängstigung des Publikums ausgedacht. Da wirkt Friedkins etwas distanziertere, beobachtende Inszenierung schon fast erlösend. Die Kamera von Owen Roizman benutzt daher auch häufig Abstand schaffende Rückwärtsbewegungen. Das Ende ist ebenfalls kühl und nachdenklich und lässt mit zahlreichen offenen Fragen viel Raum für Interpretationen: Ist der Dämon wirklich besiegt? Wie kam er eigentlich aus dem Irak nach Amerika? Welche Rolle spielt Lieutenant Kinderman, der die Priester zu Kinogängen verführen will? Das Kino also ein Hort böser Dämonen?
Kurzum: Der Film hat die besten Voraussetzungen, eine weitere Generation von Kinogängern zu schockieren. In der von mir besuchten Vorstellung zeichnete sich als Publikumsreaktion zwar eher Witzelei und Gekicher ab, dies ist jedoch weniger als Beurteilung des Films, sondern vielmehr als Folge von mangelnder Sensibilität der Zuschauer zu verstehen. Ich frage mich ernsthaft, wie verroht man sein muss, um über einen derartigen Film lachen zu können. Auch das UCI hat sich in diesem Zusammenhang nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Der geneigte Leser sei hierzu an meinen offenen Brief verwiesen. Bei mir jedenfalls war in dieser Vorstellung Gänsehaut garantiert.
Filmkritik: Der Exorzist – Director’s Cut
Samstag, 24. März 2001