Amalthea
Amalthea
Dieser Film ist nichts für Leute mit schwachen Nerven. Soviel Spannung wie hier erlebt man nur selten. Zuletzt vielleicht in „Schatten der Wahrheit“. Die Handlung ist mysteriös und gruselig. Es geht um ein geheimnisvolles Video, das jeden der es sieht nach sieben Tagen zu Tode kommen lässt.
Leider ist die interessante Story keine Hollywood-Innovation, sondern das Remake eines japanischen Erfolgsfilms. Ich habe diesen nicht gesehen und weiß daher nur vom Hörensagen, dass dort wesentlich mehr im Ungewissen bleibt und nicht so viel rational zu erklären versucht wird. In der Tat hat die amerikanische Version am Ende einige Schwächen: Wo man glaubt, alles wäre geklärt mit einem Ende ähnlich zu „The Sixth Sense“, wird alles über den Haufen geworfen und eine völlig andere Auflösung präsentiert, die jedoch logisch nicht schlüssig ist. Da hätte man die Erklärungsversuche vielleicht wirklich ganz einsparen sollen.
Das Beeindruckendste am ganzen Film ist das Ring-Video selbst. Es erinnert ein Bisschen an den Surrealismus eines Salvador Dalí mit wirr zusammen geschnittenen, suggestiven und verstörenden Bildern. Editor Craig Wood setzt diese Technik auch im ganzen Film fort. Es wird zwischen realem Geschehen und Videoausschnitten gewechselt, es gibt kurze, unterbewusste Inserts von wenigen Frames Länge, an einer Stelle sogar ein einzelnes Frame des todbringenden Rings. Die zahlreichen Schocks sind auch von extrem schnellen Fahrten und heftigen Schnitten gekennzeichnet. Director of Photography Bojan Bazelli taucht alles in ein unwirkliches blaues Licht, von dem er nur in seltenen Einstellungen, wie dem Blutahornbaum auf dem Hügel, abweicht.
Die Hauptfigur Rachel Keller, eine Journalistin die den Hintergrund des Videos aufdecken will, wird von David-Lynch-Entdeckung Naomi Watts gespielt, doch unter Regisseur Gore Verbinski kann sie nicht so überzeugen, wie in „Mulholland Drive“, kann aber das Grauen ihres Charakters doch ganz gut transportieren. Der letzte Baustein ist die Musik, an der Hans Zimmer mitgewirkt hat. Doch Musik kann man das eigentlich gar nicht nennen, es ist mehr eine schauderhafte Klangkulisse.
Alles in dem Film ist auf höchste Spannung ausgelegt. Der Fernseher dient wie in „Poltergeist“ als Tür in eine andere Welt. Und tatsächlich funktioniert das so gut, dass man gegenüber der heimischen Filmmerkiste nach diesem Kinoerlebnis eine gewisse Skepsis hegt. Doch ist die Spannung die größte Stärke des Films, so ist sie gleichzeitig auch dessen größte Schwäche: Der Film ist zumindest für mich schon zu spannend, so dass es anstrengend wird. Schon der Meister der Suspense Alfred Hitchcock wusste: In lange und intensive Spannungsbögen muss man für den Zuschauer als Erholung immer etwas wohldosierten Humor einstreuen. Wenn auch das Publikum heute ein ganz anderes Spannungsniveau gewöhnt ist, so sollte sich Gore Verbinski nächstes Mal doch an solche Erfahrungen erinnern.
Filmkritik: Ring
Montag, 10. Februar 2003