Amalthea
Amalthea
„A.I.“ hat eine interessante Entstehungsgeschichte hinter sich: Ursprünglich war es ein Projekt des Regiegenies Stanley Kubrick. Als dieser jedoch feststellte, dass er es nicht mehr realisieren kann, übergab er es seinem Freund Steven Spielberg. Dieser war von dem Stoff derart begeistert, dass er um nichts zu verschenken selbst das Drehbuch schrieb. Den letzten Baustein der Verwirklichung lieferte Haley Joel Osment, der in seinen jungen Jahren schon einen ganzen Film fast allein bestreiten muss. Er vollbringt unter der sensiblen, kindererfahrenen Regie von Spielberg ein schauspielerisches Wunder. Nun erreicht ein Film das Publikum, in dem soviel künstlerische Energie steckt, dass man sie in einer Vorstellung kaum aufnehmen kann.
Die Geschichte basiert auf der Kurzgeschichte „Supertoys Last All Summer Long“ von Brian Aldiss. Sie spielt in einer postapokalyptischen Welt, in der die Menschen für jede erdenkliche Aufgabe Roboter, so genannte Mechas, geschaffen haben. Die neueste Entwicklung ist David, ein Mechajunge, der in der Lage ist, echte Liebe zu empfinden. Er wird zu Testzwecken in eine Familie gesteckt. Nach einer kurzen, aber intensiven Exposition finden wir uns in einer scheinbaren Familienidylle wieder, in der jedoch stets ein latentes Misstrauen gegenüber dem künstlichen Kind lauert. Mit der Aktivierung von Davids Liebesprogramm, seiner wahren Geburtsstunde, ist die Tragödie besiegelt. Seine Liebe wird bald zur Last, seine Naivität zur Gefahr. Im Gegensatz zum wiedergefundenen echten Sohn ist er ersetzbar und das macht ihn zum Geliebten zweiter Klasse. Er wird ausgesetzt. Spielbergs bekanntes Team aus Kameramann Janusz Kaminski und Editor Michael Kahn, das uns schon Erlebnisse wie „Saving Private Ryan“ und „Schindler's List“ beschert hat, wechselt nun von der hellen, freundlichen und gut behüteten Familienszenerie zu einer von Dunkelheit und Gefahr beherrschten Außenwelt. Leblose Silhouetten schaffende Kantenlichter erzeugen eine Stimmung vergleichbar mit Ridley Scotts „Blade Runner“, nur dass hier nicht aus Sicht des Jägers, sondern des Gejagten erzählt wird. Beseelt von dem Wunsch, ein echter Junge zu werden um echte Liebe empfangen zu können, begibt sich David auf die Suche nach seiner blauen Fee, die er aus dem immer wieder zitierten Märchen „Pinoccio“ kennt. Dieses Märchen ist das Motiv und der rote Faden, an den sich der Film hält.
Die Reise, die David antritt, führt ihn direkt in die Abgründe des menschlichen Wesens. Nicht zufällig lässt ihn die Story mit dem einfältigen Sex-Mecha Gigolo Joe zusammentreffen: Hier begegnen sich zwei Liebesroboter, wie sie verschiedener nicht sein könnten. Von der traumatisierenden menschlichen Zerstörungsfreude in der Mecha-Tötungsarena bis zur oberflächlichen Vergnügungsstadt „Rouge City“ wandelt der Zuschauer durch atmosphärisch düster ausgeleuchtete und mit einem eigenartig falschen Glanz fotografierte Sets, bei denen ich hin und wieder zu ahnen glaubte, dass hier eine Skizze von Kubrick als Vorlage diente.
Als David seinem Schöpfer gegenübertritt und man ihn schon am Ende seiner Irrfahrt wähnt, wird er ein weiteres Mal enttäuscht, als er feststellt, dass er ein Massenprodukt ist und er und seine Gefühle reproduzierbar sind. Nach Liebe, Frieden und Glück raubt man ihm jetzt auch die Individualität. Hier beginnt das wahrhaft kubrick’sche Ende des Films, das in immer neue Dimensionen vordringt. Vielleicht ein wenig zu langatmig löst sich der Film von seinem bisherigen Erzählstil und beginnt ganz wie am Schluss von Kubricks Meisterwerk „2001: A Space Odyssey“ durch Raum und Zeit zu schweben. Der Zuschauer wird von den sanften Klängen John Williams' mitgetragen und am höchsten Punkt der Erkenntnis entlassen. Die Erkenntnis ist, dass sich die Menschheit daran bewertet, wie sie sich und andere behandelt, egal ob organisch oder mechanisch. David ist als letztes Vermächtnis dieser Menschheit jedoch von ihr verstoßen worden und erst eine künstlich erschaffene Mutter ist in der Lage, ihn wahrhaftig zu lieben.
Originaltitel
Artificial Intelligence: AI
Erscheinungsjahr
2001
Regie
Steven Spielberg
#film
Filmkritik: A.I. – Künstliche Intelligenz
Sonntag, 30. September 2001